Das Narrenschiff

„Die Wahrheit wird nie wertlos sein,

Und wenn sich Narren den Hals abschrein.“ 

So heisst es im Geleitwort, das Sebastian Brant den 112 Kapiteln seines Buches „Das Narrenschiff“1) voranstellt. 1494 am Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit noch vor der Reformation erschienen, wird das Buch des in Strassburg geborenen Humanisten, der bis 1500 als Professor für Rechtswissenschaft sowohl für das kanonische als auch das Römische Recht und danach als Syndikus, Stadtschreiber und Kanzler der Freien Reichsstadt Strassburg tätig war, zum internationalen „Bestseller“ bis Goethes Werther, was sich der lateinischen Übersetzung seines Schülers Jakob Locher aus dem Jahr 1497 verdankt, womit das Werk dem gebildeten Bürgertum zugänglich wurde. Aber auch die 112 in sich abgeschlossenen Kapitel samt Illustration mittels 114 Holzschnitten, von denen einige dem jungen Albrecht Dürer zugeschrieben werden, trugen wesentlich zu seiner Popularität bei. 

Bald nach der Veröffentlichung erschienen Übersetzungen aus dem Lateinischen ins Englische, Französische und Niederländische, und bis Brants Tod gab es bereits 16 Auflagen seiner Satire in Versen, mit denen Brant den Narren seiner Zeit den Spiegel vorhielt und deren Laster und Torheiten geisselte. Jedes Kapitel des Schiffes voller Narren, das sich nach „Narragonien“ aufmacht, steht für eine bestimmte Defizienz, die breite Palette reicht von Habsucht, Schwätzerei, Prassen, Selbstgerechtigkeit, Gewalt, Hass, Neid, Selbstgefälligkeit, Wucher bis hin zum Verfall des Glaubens, der Allegorie für das Schiff der Kirche, das durch Sünden schwankt, und jener des Reiches, das durch unfähige Herrscher unterzugehen droht.

Die Vorahnung Brants wurde von Zeitgenossen frenetisch aufgenommen und begründete eine Tradition von „Narrenliteratur“ vom „Lob der Torheit“ des Erasmus von Rotterdam bis zum volkstümlichen Till Eulenspiegel.

Hieronymus Bosch_Das Narrenschiff©Lizenzfrei

Es inspirierte vermutlich auch bildende Künstler wie den niederländischen Zeitgenossen Hieronymus Bosch mit seinem weltberühmten Gemälde „Das Narrenschiff“, das sich heute im Pariser Louvre befindet. 

Das Bild, Teil eines Triptychons, dessen Mittelteil verschollen ist, deren andere Teile, „Die Allegorie der Völlerei und der Wollust“ sowie „Der Tod des Geizigen“, sich in US-amerikanischen Galerien befinden, zeigt ein kleines überladenes Boot ohne Segel und Ruder, das führungslos auf einem dunklen Gewässer dahintreibt, an dessen Bord ausgelassen gefeiert wird. Ein Insasse steuert das Schiff mit einem riesigen Kochlöffel. 

Der Mast ist ein abgestorbener Baum, in dessen Krone eine Eule sitzt, die nicht im antiken Sinn Weisheit interpretiert, sondern bei Bosch als Raubvogel für das Böse steht und Dummheit und geistige Blindheit symbolisiert. 

Abseits des Schiffs sitzt ein abgeklärter Narr, der den wirklichen Narren im Boot den Rücken kehrt. Indes diese trinken und sich der Völlerei und anderen irdischen Freuden hingeben und sich ein Mann bereits ins Wasser übergibt, greift eine Nonne, in der man unschwer das bleiche Gesicht Ursula von der Leyens erkennen kann, gottvergessen in die Laute, während ihr gegenüber im Kleid des Mönches Friedrich Merz seine Stimme zu einem Trinklied erhebt. Unbemerkt vom Treiben steigt Emmanuel Macron mit gezücktem Dolch in den Mast, um sich die fette Gans samt deren Leber zu sichern. 

Der auf einem Stock aufgespiesste Krug, eine sexuelle Anspielung, verweist auf Wollust, deren Freuden Frau und Mann im Bug des Schiffes sich begeben, während im tiefsten Schatten des Bootes eine Wasserleiche treibt, die keiner der Narren bemerkt und die mangels DNA-Analyse anonym bleiben muss. Selbst Forensiker konnten nicht feststellen, ob es sich dabei um eine deutsche, ukrainische, russische oder eine den  Kriterien der EU-Bürokratie gemässe Freundes- oder Feindesleiche handelt.

Sowohl Brant als auch Bosch kritisieren die moralischen Defizite ihrer Zeit und kondensieren die Narren bei ihrer führerlosen Fahrt ins Verderben zu einer einzigen Dystopie von Dummheit und Verblendung, wobei für Brant weniger die Dummheit als solche, sondern das Verharren in der Dummheit oder, wenn man so will, das Verharren in der selbstverschuldeten Unmündigkeit aus Faulheit und Feigheit, wie es Immanuel Kant 300 Jahre später in seiner Definition der Aufklärung formuliert hat, massgeblich ist.

Ein halbes Jahrtausend später hat sich die Welt unzweifelhaft zu ihrem Besseren geändert, was sich in erster Linie dem Genie von Wissenschaft und Forschung verdankt, man denke nur an das heliozentrische Weltbild des Nikolaus Kopernikus, die Newtonschen Gesetze der Mechanik bis zur Relativitätstheorie Einsteins oder Plancks Erkenntnissen der Quantenmechanik, Mendelejews Entdeckung des Periodensystems der Elemente, an die Evolutionstheorie Darwins, die Entschlüsselung der DNA-Struktur, die medizinischen Fortschritte von der Entdeckung des Blutkreislaufs, der Narkose, der Strahlung des Wilhelm Röntgen, der Entdeckung des Penicillin durch Alexander Fleming bis zum Fortschritt der Chirurgie, den Möglichkeiten von Organtransplantationen und, und, und…

Nicht zu vergessen die technischen Erfindungen der Ingenieure und Konstrukteure wie die Dampfmaschine des James Watt, die Nutzung der Elektrizität, das Telefon, die Fortbewegungsmittel von Eisenbahn, Automobilen bis zum Flugzeug, die Fortschritte bei der Errichtung von Infrastruktur, Computer und Internet und viele andere mehr, die unser aller Leben erleichtern.

Es sollte aber auch die Weiterentwicklung der diversen demokratischen Verfassungen, die Entwicklung des Rechts und der Gesetzbücher sowie die Schaffung internationaler Organisationen und völkerrechtlicher Friedensordnungen nicht verschwiegen werden, abgesehen von bedeutenden Rechtsprinzipien wie der Gewaltenteilung, der Gleichheit vor dem Gesetz, der Unabhängigkeit der Justiz, der Grund- und Menschenrechte und des Schutzes vor Diskriminierung.

Bedauerlicherweise hat der menschlichen Geist insbesondere in der Neuzeit aber auch nicht vor Innovationen zur Zerstörung der eigenen Art haltgemacht, wie die Entwicklung der Feuerwaffen, der Maschinengewehre, Raketen, U-Boote, Panzer und der Atombombe nachdrücklich beweist.

Den Fortschritten in Wissenschaft und Technik stehen leider nach wie vor individuelle Schwächen, mangelnde Selbstreflexion und Selbsterkenntnis, aber mehr noch strukturelle institutionelle Defizite, Verwechslung von Politik mit Moral sowie histrionische Propaganda statt rationalem Denken und Handeln entgegen. Zwar ist die Inquisition nicht mehr so sehr in Mode, aber in manchen Bereichen lebt die beliebte primatenhafte Form des mittelalterlichen Hauens und Stechens der Kreuzzüge in den neuzeitlichen Formen der Drohnenkriege durchaus vital weiter.

So konnte die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in einer ihrer Sonntagsreden auf der Münchner Sicherheitskonferenz, die eigentlich eine Samstagsrede war, noch dazu am Valentinstag, voller Stolz vermelden, dass die Verteidigungsausgaben in Europa 2025 um fast 80% über dem Wert vor dem Krieg in der Ukraine liegen und die EU insgesamt bis zu 800 Milliarden EUR mobilisiere, dazu kämen noch 90 Milliarden EUR Darlehen an die Ukraine, deren Rückzahlungsfähigkeit allerdings noch nicht ganz gesichert sei und von russischen Reparationen abhänge!

Aber klar sei, dass Europa unabhängiger werden müsse, weil nur ein unabhängiges Europa ein starkes Europa sei. Die freie Welt brauche einen neuen Führer, hatte es einst die EU-Aussenbeauftragte Kallas formuliert.

„Europa muss seine Anstrengungen erhöhen und selbst Verantwortung übernehmen. Zugegeben, dazu hat es einer Art Schocktherapie bedurft.“, rief die kühne Strategin Von der Leyen2)  betroffen vor der erlesenen Runde im Hotel Bayerischer Hof in Erinnerung.

In der Tat, nach vier Jahren Politik gemäss dem Prinzip „Trial-and-Error“ und ziellosem Treiben des europäischen Narrenschiffes auf dem Meer war das Erscheinen des neuen amerikanischen Präsidenten Trump ein Schock. Weg alle Sicherheiten, zerstört die selbstgeschaffene Wirklichkeit der Brüsseler Blase, das Narrativ von der Freiheit, die es in der Ukraine zu verteidigen gelte, mit dem Vorschlaghammer erschüttert die paranoide institutionelle Besessenheit der europäischen Nomenklatura vom Ukraine-Krieg. 

Es braucht ein neues Narrativ. Es heisst „europäische Stärke“. Eine noch tiefere Abhängigkeit von den transatlantischen Freunden. Europa zahlt die Waffen, die USA liefern sie, die Ukrainer kämpfen weiter gegen Russland. Alles auf Augenhöhe. Und ohne schmutzige Hände. Die neue Lebenslüge der Brüsseler Bürokratie. 

Die Besessenheit zu heilen, hilft bloss noch Exorzismus.

1)  Sebastian Brant, Das Narrenschiff, Anaconda Verlag, München, 2011

2)  https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/speech_26_414

Siehe auch https://www.walterposch.at/blog/also-sprach-der-prasident/