
Kleidung ist ein existenzielles Grundbedürfnis wie Nahrung und Wohnung. Dementsprechend zentral war und ist sie im Alltag nicht nur notwendiger Schutz vor Kälte, sondern erfüllt auch soziale Zwecke. „Kleider machen Leute“ nennt sich beispielsweise eine Novelle Gottfried Kellers, die des Menschen Vorliebe für Äusserlichkeiten karikiert als Ausdruck von Schein und Sein.
Mit dem Vorgang der Säuberung wird aus der Kleidung Wäsche, die nicht nur unterschiedlichen Waschprozessen unterliegt, sondern sich als Gesamtheit aller waschbaren Textilien versteht.
Auf diese Weise werden ganz selbstverständliche Säuberungsvorgänge wie „Schmutzwäsche waschen“ im übertragenen Sinn im politischen Feld eher pejorativ konnotiert. Der Volksmund sagt dazu gerne „sich das Maul zerreissen“, ein sehr häufiger und beliebter Vorgang, der ganz ohne Wasser und Waschmittel auskommt.
Oft schauen die Betroffenen dann „ziemlich blöd aus der Wäsche“, und manchmal fallen die genannten Redewendungen auch zusammen, wie zum Beispiel bei politischen Gipfeltreffen, wo der Widerspruch zwischen Sein und Schein in feinem Zwirn sich zeigt und die verschiedenen Säuberungsvorgänge oft in schädigenden und nicht selten auch selbstschädigenden Aktionen münden, sodass am Ende alle Darsteller und vereinzelt Darstellerinnen ziemlich intelligenzbefreit in Reih und Glied aus ihrer noblen Wäsche schauen.
Solches trug sich jüngst in deutschen Landen zu anlässlich der Zusammenkunft etlicher „Leute von Seldwyla“ bei der Münchner Sicherheitskonferenz.
Ungeheures war geschehen. Da hatte der neue US-Präsident Trump glatt behauptet, dass eine Rückkehr zu den Grenzen der Ukraine vor 2014 unrealistisch sei und er eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine im Rahmen eines Friedensabkommens für ausgeschlossen halte. Ganz im Gegenteil regte der US-Präsident sogar an, dass er die Runde der führenden westlichen Wirtschaftsnationen G7 gerne wieder um Russland erweitern würde, weil es möglicherweise nicht zur russischen Aggression gegen die Ukraine gekommen wäre, wenn das 2014 wegen der Annexion der Krim von der G7-Gruppe ausgeschlossene Russland noch Teil der Gruppe wäre. Eine Avance, die der Kreml-Sprecher Peskow noch zurückhaltend, süffisant so kommentierte, dass die Gruppe der G7-Industrienationen inzwischen ihre Relevanz fast verloren habe.
Irritiert zeigten sich insbesonders die deutschen Spitzenpolitiker von den Aussagen des amerikanischen Vizepräsidenten JD Vance über seine Bemerkungen zur Demokratie, in der es keinen Platz für „Brandmauern“1 gäbe, weil sie auf dem heiligen Grundsatz beruhe, dass die Stimme des Volkes zähle.
Der neue US-Verteidigungsminister Pete Hegseth, selbstredend die Aussagen seines Präsidenten hinsichtlich der ukrainischen Grenzen von vor 2014 untermauernd, legte gleich noch eins drauf und richtete den europäischen NATO-Alliierten aus „to take primary responsibility for the defense of Europe“ und dass „Uncle Sam won´t be Uncle Sucker“2, eine hübsche Metapher, die nicht nur des neuen NATO-Generalsekretärs Rutte Gesicht, sondern auch jenes des deutschen Verteidigungsministers, des ewigen Nibelungen Pistorius, wie von Medusa versteinern hatte lassen.
Kaum hatte der Kaiser von Kiew seinen olivgrünen Ornat angelegt und seine Bedingungen für Verhandlungen mit dem russischen Präsidenten formuliert, was dieser zurückgewiesen hatte, nachdem die Amtszeit des Ukrainers schon lange abgelaufen sei und er damit auch nichts rechtskräftig unterzeichnen könne, warnte der kleine Potentat seine europäischen Verbündeten vor einer Truppenverlegung Russlands nach Belarus und forderte für seinen Siegesplan die Schaffung der „Streitkräfte Europas“, um Russland stoppen zu können, weil Putin keine Sicherheitsgarantien anbieten könne, „nicht nur, weil er ein Lügner ist, sondern weil Russland einen Krieg braucht, damit er an der Macht bleiben kann“3, analysierte der Kaiser von Kiew haarscharf seine eigene Psychologie.
Manche hatten geglaubt, die zitternde Erde sei dem seit geraumer Zeit avisierten Erdbeben von Santorin geschuldet, als die europäischen Potentaten samt der EU-Kommission von ihren Sesseln fielen, nachdem der Ukraine-Beauftragte der USA Keith Kellogg verkündet hatte, dass bei den geplanten Friedensverhandlungen mit Russland über die Ukraine keine Vertreter Europas am Verhandlungstisch sitzen würden, natürlich mit Ausnahme der Ukrainer.
Bleich im Gesicht faselte die deutsche Aussenministerin, dass sie „da ganz andere Töne“4 gehört habe, ohne zu sagen welche, lud der französische Präsident zu einem EU-Sondergipfel in Paris, um Stärke und Einheit zu zeigen, wie es der polnische Aussenminister formulierte.
Es dürfe keinen „Diktatfrieden“ geben, meinten drohend die der Unwahrheiten überführten und um ihr Ansehen besorgten europäischen Häupter, insbesonders die in diesen Causen historisch erfahrenen deutschen, und deren Kofferträger, der xenophobe Hassprediger der österreichischen NEOS, das neue Narrativ vorbereitend, das die alten Erzählungen propagandistisch ablösen soll, damit man nicht „allzu blöd aus der Wäsche schaue“.
Nackt steht der Kaiser von Kiew in seinen olivgrünen Kleidern mit der wunderbaren Eigenschaft, dass sie für jeden Menschen unsichtbar sind, der nicht für sein Amt tauge oder unverzeihlich dumm sei.5
1 https://www.walterposch.at/die-brandmaurer/
2 New York Post, Feb. 13, 2025
3 ORF.at, 15.02.2025
4 ORF.at, 16.02.2025
5 frei nach Hans Christian Andersen, Des Kaisers neue Kleider