Hiroshima mon amour

I

„Du hast nichts gesehen in Hiroshima“, antwortet der japanische Architekt während einer Liebesnacht im Hotelzimmer der von Emmanuelle Riva gespielten verheirateten Filmschauspielerin, die sich für Filmaufnahmen vierzehn Jahre nach dem Abwurf der Atombombe in Hiroshima aufhält und von den Dokumentarfilmen und Museen über den Atombombenabwurf erzählt. 

„Wir müssen uns erinnern, sonst wird sich alles wiederholen. 200.000 Tote, 80.000 Verwundete in neun Sekunden. Eine Temperatur von tausend Sonnen. Eine schöne Schlagzeile. Der Asphalt wird kochen. Auf der ganzen Erde wird das Chaos herrschen, ganze Städte werden aus dem Boden gerissen und hochgeschleudert, und nur ihre Asche wird auf die Erde zurückrieseln“, die Schauspielerin.

„Du hast nichts gesehen in Hiroshima.“

Der von Alain Resnais 1959 im Stil der Nouvelle Vague an Originalschauplätzen gedrehte Schwarzweissfilm nach dem Drehbuch von Marguerite Duras erzählt die zutiefst pessimistische Geschichte zwischen der wegen ihrer Beziehung zu einem deutschen Soldaten während der Besatzungszeit Frankreichs als Kollaborateurin geächteten Schauspielerin und dem verheirateten Architekten, der sie vergeblich zum Bleiben in Japan überreden will. 

Die eindrucksvollen melancholischen Bilder einer Liebe, die keine Zukunft hat, verknüpfen die Weltkriegsvergangenheit mit der Gegenwart, die ohne grosse Handlung auskommt, dafür mit raffinierten Schnitten und Rückblenden der Zeit und dem Grauen tiefe Wahrhaftigkeit verleiht.

II

„Allmächtiger Vater, der Du die Gebete jener erhörst, die Dich lieben, wir bitten Dich, denen beizustehen, die sich in die Höhen Deines Himmels wagen und den Kampf bis zu unseren Feinden vortragen…“ 1), brabbelte der evangelische Pfarrer noch, bevor sich die B 29 „Enola Gay“ mit ihrem Kommandanten Paul Tibbets samt 12 Mann Besatzung am 06. August 1945 von ihrem Stützpunkt auf einer Pazifikinsel auf den Weg nach Hiroshima machte, wo jener um 08:15 Uhr die zärtlich „Little Boy“ genannte Uranbombe mit etwa 15 Kilotonnen Sprengkraft TNT in fast 10.000 Meter Höhe ausklinkte, ehe er eine scharfe Wende zurück zu ihrem Stützpunkt flog, um der Druckwelle der Bombe zu entkommen. 

Nach nicht einmal einer Minute explodierte die Bombe 600 Meter über der Stadt, deren Eruption die Innenstadt binnen einer Sekunde zerstörte, den Atompilz bis in die Stratosphäre treibend, wo der radioaktiv verseuchte Dreck nach 20 Minuten zur Erde zurückrieselte.

70.000 Menschen sofort tot, im Epizentrum verdampft zu dunklen Schatten, manchen die Haut in Fetzen von den Leibern hängend, gierig das kontaminierte Wasser des Flusses trinkend, um den Durst zu stillen, ehe sie im Inneren verbluteten.

Drei Tage später die Plutoniumbombe von Nagasaki, doppelt so mächtig wie jene von Hiroshima, ehe Japan bedingungslos kapitulierte, gefolgt von zahlreichen Suiziden japanischer Militärs.

Japan gibt die Gesamtzahl der Toten von Hiroshima und Nagasaki einschliesslich der an akuter Strahlenkrankheit zugrunde gegangener Menschen sowie Überlebender mit Spätschäden wie Krebs, Leukämien und genetische Schädigungen mit über einer halben Million bis zum heutigen Tag an.2)

III

Während des Pazifikkrieges zwischen Japan und China hatte die amerikanische Regierung beschlossen, Sanktionen auf Erdöl und Stahl gegen Japan zu verhängen, um die japanische Expansionslust zu bremsen. Gerade diese Sanktionen führten aber im Gegenteil zur Ausweitung des Pazifikkrieges mit dem überraschenden japanischen Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 und zum Kriegseintritt der USA, dem sich das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien als Verbündete Japans mit einer Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten anschlossen.

Die USA hatten daraufhin 1942 mit der Entwicklung und dem Bau einer Atombombe, dem „Manhattan Project“, begonnen. Ursprünglich war auch daran gedacht, die Bombe gegen deutsche Städte einzusetzen, aber die Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 machte dieses Ansinnen überflüssig.

Harry Truman, Nachfolger des im April 1945 verstorbenen Franklin D. Roosevelt, gab schliesslich während der Potsdamer Konferenz im Juli 1945 den Befehl zum Einsatz der neuen Bombe. Angeblich hatte er, obwohl Vizepräsident Roosevelts, bis zu seiner Amtsübernahme als Präsident keine Ahnung vom „Manhattan Project“, was man glauben mag oder auch nicht, was aber ein bezeichnendes Licht auf den militärisch-technischen Komplex und dessen Funktionalität wirft.

Bis zum heutigen Tag haben sich die USA mit dem Hinweis auf die zahlreichen japanischen Kriegsverbrechen in China, der Mandschurei, Indonesien, dem gesamten pazifischen Raum, dem Massaker von Nanjing, den Einsatz biologischer und chemischer Kampfstoffe durch die japanische Armee nicht für den Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki entschuldigt und somit ein Menschheitsverbrechen in den Rang kriegerischer Normalität verwiesen.

IV

Der Einsatz der Atombomben wurde auf der ganzen Welt kontrovers diskutiert und führte zu einer Reihe von Friedensbewegungen im nun als Nuclear Age definierten Zeitalter. In Japan bahnte eine Initiative von Frauen in der unmittelbaren Nachkriegszeit einer Kampagne den Weg, die 30 Millionen Unterschriften zur Ächtung von Atomwaffen sammeln konnte. Im Jahr 1955 wurde in Hiroshima das Peace Memorial Museum inmitten des Peace Memorial Parks eingerichtet, an dessen Ufer noch das Stahlskelett der Kuppel des ehemaligen Gebäudes der Industrie- und Handelskammer Zeugnis ablegt von der Apokalypse des „Little Boy“.

In Deutschland führte eine Bewegung gegen die geplante Atombewaffnung der Bundeswehr 1957 zum Erfolg, und auch in vielen anderen Ländern demonstrierten Millionen von Menschen gegen die Herstellung und Proliferation von Massenvernichtungswaffen.

Lediglich in den USA hält sich nach wie vor die Legende, dass die Abwürfe der Bomben Millionen von Leben gerettet hätten, wie es einst Präsident George Bush sen. formuliert hatte, wenngleich zahlreiche prominente Generäle wie Dwight D. Eisenhower, Douglas MacArthur oder Flottenadmiral Chester W. Nimitz die Sinnhaftigkeit des Einsatzes der Atombomben in Abrede gestellt hatten.

V

Enewetak Atoll_Endlager © Creative Commons 2022
Enewetak Atoll_Endlager©Creative Commons 2022

Bald nach 1945 hatten die USA zur Zeit des Kalten Krieges mit der Entwicklung thermonuklearer Bomben, sogenannter Wasserstoffbomben, begonnen, als deren „Vater“ der ungarisch-amerikanische Physiker Edward Teller gilt. 

Am 1. November 1952 zündeten sie die erste der neuen Waffen auf dem Enewetak-Atoll auf den Marshall-Inseln, zwei Jahre später die zweite auf dem Pikinni-Atoll mit einer Sprengkraft von 15 Megatonnen TNT, der 1000-fachen Gewalt der Hiroshima-Bombe.

Der radioaktive Fallout verseuchte Tausende Quadratkilometer im Pazifik mit den schon von Hiroshima bekannten schweren Langzeitfolgen unter der indigenen Bevölkerung und machte viele Inseln unbewohnbar.

Der nach dem Atoll benannte Bikini, „la première bombe anatomique“, trägt sarkastisch die Kreation seines Modeschöpfers weiter.

VI

Bis Ende der 70-er Jahre hatten bereits sieben Nationen thermonukleare Bomben gebaut. 

2025 haben die neun Atommächte insgesamt 119 Milliarden Dollar für die Modernisierung und Erweiterung ihrer Atomarsenale ausgegeben, wobei laut Karim Haggag, dem Direktor des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI das ursprüngliche Konzept des Gleichgewichts des Schreckens zwischen den USA und der Sowjetunion zunehmend ins Wanken gerät, nachdem Verträge zur Begrenzung von Atomwaffen auslaufen oder nicht verlängert werden. „Wir erleben gerade den Zusammenbruch der nuklearen Rüstungskontrolle“, meint Haggag.3)Besonders Europa sei immer stärker unter Druck.

Stand Januar 2026 besitzen von den weltweiten 12.187 nuklearen Sprengköpfen Russland 5.420 und die USA 5.042, gefolgt von 620 Chinas und 370 Frankreichs.4)

VII

„Wir werden nicht zulassen, dass der Iran eine Atomwaffe bekommt“, sagte US-Präsident Donald Trump.5)

„Der Einsatz von Atomwaffen ist eine extreme, aussergewöhnliche Massnahme,…Aber unser nukleares Arsenal muss angesichts der wachsenden Spannungen ein verlässlicher Garant für unsere Souveränität bleiben“, sagte Kremlchef Wladimir Putin.6)

VIII

Mit immer weitreichenderen Waffen eskaliert der Krieg in der Ukraine.

Platitüdenhaft präsentiert die EU-Kommission mittels dümmlicher Gruppenbilder ihr nächstes „Hilfspaket“. Menschen sterben, meint achselzuckend der Autokrat von Kiew.


1) Helmut Gollwitzer, Die Christen und die Atomwaffen, Kaiser Verlag, München 1981

2) Hiroshima Peace Memorial Museum, Collection Catalogue

3) www.tagesschau.de 08.06.2026

4) SIPRI Jahresbericht 2026

5) www.tagesschau.de 08.06.2026

6) www.tagesschau.de 08.06.2026