Im Auge des Hurrikans

Jahr für Jahr ziehen im Sommer schwere tropische Wirbelstürme mit Geschwindigkeiten von teilweise über 300 km/h über die Küsten der USA und führen zu Sturmfluten und schweren Zerstörungen wie jene vom Hurrikan Katrina im Grossraum New Orleans im Jahr 2005 verursachten Schäden im Ausmass von rund 100 Milliarden Dollar und dem Verlust von über 1000 Menschenleben. Die zerstörerische Kraft der mit weiblichen und männlichen Namen ausgestatteten Ungeheuer verdankt sich auf der Nordhalbkugel der durch die Erdrotation verursachten Ablenkung der Luftmassen gegen den Uhrzeigersinn, wohingegen im Zentrum des Hurrikans, im sogenannten Auge, das meist eine Ausdehnung von 30 bis 50 Kilometer hat, fast Windstille oder nur schwache Winde herrschen.

Ansonsten ist das Land von grossen Verwerfungen relativ unbehelligt, was sich seiner günstigen Lage zwischen den grossen Ozeanen im Osten und Westen und dem Golf von Mexico beziehungsweise neuterminologisch Golf von Amerika im Süden verdankt. Im Norden entlang der fast 9000 km langen Grenze zu Kanada zwischen dem Sankt-Lorenz-Strom, den grossen Seen, dem 49. Breitengrad entlang über die Rocky Mountains bis zum Pazifik und Alaska, kaum von kanadischen Holzfällern oder den Eisbären der Hudson Bay bedroht, kennt das Land eine nur schwach markierte, aber unbefestigte Grenze mit einigen Grenzübergängen und Patrouillen. Lediglich im Süden an der über 3000 Kilometer langen Grenze zu Mexico, von denen 2000 Kilometer entlang dem Rio Grande verlaufen, leistet sich die Supermacht einen über 1000 Kilometer langen Grenzzaun, der nach den Plänen des gegenwärtigen Präsidenten zu einer rund 3200 Kilometer langen und neun Meter hohen Mauer ausgebaut werden soll, um das Land vor Drogen- und Waffenschmuggel sowie illegalen Einwanderern zu schützen.

Im Übrigen gibt es keine Probleme in den unermesslichen Weiten der Great Plains, in denen einst John Wayne Rinderherden trieb und hinterlistige Indianer bekämpfte. 

Im Auge des Hurrikans, im ruhigen Washington am idyllischen Potomac River der idyllische Präsident. Making America Great Again.

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Mit den rund 17 Millionen Toten des Ersten Weltkriegs, den 60 Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs und den sechs Millionen Juden, denen das Tausendjährige Reich ein Grab in den Lüften geschaufelt hat, war auch das Ende der europäischen Kolonialreiche gekommen, wenngleich die Dekolonisation in Afrika noch bis in die Mitte der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts dauern sollte. 

Militärisch und ökonomisch ausgeblutet, moralisch desavouiert, war Europa nicht in der Lage, den neuen Supermächten USA und Sowjetunion standzuhalten, ehe die USA nach dem Ende der Sowjetunion im Dezember 1991 die alleinige Weltherrschaft mit rund 800 Militärstützpunkten ausserhalb der USA antreten sollten und Europa die Rolle eines abhängigen „Partners“ zuwiesen. 

Nun, unter dem Atomschirm der amerikanischen Schutzmantelmadonna liess es sich zwar gut leben, wenngleich Abhängigkeit die Denkfähigkeit stark einschränkt. Nur so lässt sich verstehen, dass sich das ökonomisch inzwischen gestärkte, aber energiehungrige Europa im Dienst der USA an der Expansion der NATO gen Osten beteiligt und im Stellvertreterkrieg gegen Russland der Sprengung seiner Erdgaspipelines applaudiert. „There will be no longer a North Stream 2“, meinte der damalige Präsident Biden. „Wir stehen da fest zusammen“, meinte der deutsche, die neuen Abhängigkeitsverhältnisse resignierend anerkennend.

Ein Paar Barrel später, aus den Abhängigkeitsverhältnissen von langfristigen Lieferverträgen mit Russland raus und in neuen volatilen Abhängigkeitsverhältnissen börsenotierter Preisen gefangen, seufzt die Öffentlichkeit von Spritpreisbremsen gegen die Teuerung der Betriebsmittel für ihr liebstes Kind, während sich der in Fragen von Futures versierte oberste Oligarch der OMV weigert bekanntzugeben, zu welchen Preisen er eigentlich sein zur Disposition stehendes Öl eingekauft hat, wofür er die ungeteilte Zustimmung seiner Aktionäre hat, insbesonders der Republik Österreich und der Abu Dhabi National Oil Company. 

„Drei Euro ist vielleicht noch etwas ehrgeizig…ich kann mir aber gut vorstellen, dass wir in absehbarer Zeit auf 2,50…2,70 kommen“, erklärte der ehemalige Berater der ehemaligen Klimaschutzministerin Gewessler, Walter Boltz, gegenüber dem ORF am 23. März 2026 die Vorzüge der österreichischen Strategie „Raus aus Russland, rein in die Börse“.

Währenddessen die Selenskyj-Junkies in der EU-Kommission von ihrem liebsten Stoff, dem Waffenhandel mit der Ukraine, nicht loskommen und unverdrossen von Milliardenkrediten an die Ukraine zwecks Beschaffung neuer Mordgeräte träumen, denen derzeit noch der ungarische und der slowakische Präsident ein wenig im Weg stehen, kritisiert der ukrainische Präsident die USA wegen der Lockerungen der Ölsanktionen gegen Russland zwecks Stabilisierung der globalen Energiemärkte im Zuge des Krieges gegen den Iran scharf, behauptet glatt, dass der russische Geheimdienst den Iran mit Informationen versorge, um den Krieg in der Ukraine zu verlängern, und bietet dem US-Präsidenten stattdessen ukrainische Drohnen an, die dieser dankend mit dem Hinweis ablehnt, dass man sie nicht brauche, was man ihm ohne weiteres glauben kann. 

„Dos iz nisht yosher“, kritisiert der um seine eigene und Israels Existenz fürchtende Präsident Netanjahu seinen ihm in den Rücken fallenden jüdischen Amtskollegen in Kiew. „Wahrhaftig nicht fair“, assistiert der amerikanische Präsident, seinem Freund Bibi gegen den ukrainischen Intriganten in schwerster Not beispringend.  

Indessen im Auge des Hurrikans, im ruhigen Washington am idyllischen Potomac River der idyllische Präsident. Rückt sich sein Baseballcap MAGA zurecht. 

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Wenn man vom Stellvertreterkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion in Korea mal absieht, war die Zahl der eindeutigen oder auch umstritten völkerrechtswidrigen Aggressionen der Sowjetunion gegen Ungarn, die Tschechoslowakei und Afghanistan von 1979 bis 1989 quantitativ eher bescheiden, was mehr dem Umstand geschuldet war, dass ihr danach militärisch und ökonomisch die Luft ausging, sodass sie sich selbst atomisierte und bis zum Krieg in der Ukraine keine nennenswerten Aktionen mehr durchführen konnte.

Ganz anders die USA, die in blutigen Konflikten ihr Aggressionspotential eindrucksvoll steigern konnten, von der Unterstützung der Nationalisten in China bis zum Krieg in Korea, Vietnam, Kambodscha und Laos, der Bombardierung Jugoslawiens, dem Irakkrieg und jenem in Afghanistan, den Interventionen in Libyen, Syrien und dem Jemen, etlichen Interventionen in Kuba, Grenada, Panama, Chile, Nicaragua und jüngst Venezuela, alles ohne Anspruch auf Vollständigkeit. 

Und auch im Iran, dessen demokratisch gewählten Premierminister Mohammad Mossadegh man 1953 während der Schah-Zeit Mohammed Reza Pahlevis mittels einer Operation der CIA stürzte, ehe der Schah seinerseits nach der Revolution von 1979 von den geistlichen Führern der Iranischen Republik und deren Revolutionsgarden gestürzt wurde.

Im Auge des Hurrikans, zwischen den grossen Ozeanen, weit entfernt von den blutigen Schauplätzen, im ruhigen Washington am idyllischen Potomac River der idyllische Präsident. Making America Great Again.

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Recht ist nicht Gerechtigkeit, und Angriffskrieg ist nicht gleich Angriffskrieg, je nach Definition der Wertegemeinschaft eben. Aber besser weit entfernt von der Heimat.

Das US-Militär habe bei seiner Offensive gegen den Iran nach eigenen Angaben bereits mehr als 8.000 Ziele angegriffen, darunter auch die Atomanlage Natans, die als zentral für das iranische Atomprogramm gilt, und stünde kurz davor, die Kriegsziele zu erreichen. 

Israel sieht im iranischen Atom- und Raketenprogramm seine grösste existentielle Bedrohung, zumal der Iran Israel immer wieder mit Vernichtung gedroht habe (FAZ, 2026-03-21). Die NATO-Verbündeten nannte der amerikanische Präsident hingegen wegen ihrer ausbleibenden Hilfe bei der Sicherung der Strasse von Hormus „Feiglinge“ und die NATO ohne die USA einen „zahnlosen Tiger“ (ebd.).

Nun mag der Charakterisierung der europäischen Eliten als Feiglinge eine leicht übersteigerte Hybris zugrundeliegen, wenngleich dem Urteil über die bigotten Völkerrechtsverteidiger der Europäischen Union ein Körnchen Wahrheit innewohnt.

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Im Auge des Hurrikans, im ruhigen Washington am idyllischen Potomac River der idyllische Präsident. Making America Great Again.

Enttäuscht von den Europäern und den sich hassenden ukrainischen und russischen Präsidenten, über den Plan von Gaza gebeugt, der neuen Riviera des Nahen Ostens, in der Abendsonne golden glänzend, wendet sich der Dealmaker dem neuen Ballroom des Weissen Hauses zu, eines Caesars würdig und recht.