Nessie

Nessie©Ad Meskens_Wikimedia commons

Selten wurden in der Vor-Corona-Zeit wissenschaftliche Fragen so leidenschaftlich diskutiert wie die Existenz von Nessie, dem Ungeheuer von Loch Ness, als 1933 erstmals Fotos des riesigen Tieres mit dem langen Hals in regionalen Zeitungen auftauchten und fortan vorzugsweise im ereignislosen Sommerloch die internationalen Medien füllten.

Der mediale Erfolg bescherte aber nicht nur Nessie die ungeteilte journalistische Aufmerksamkeit, sondern vor allem den zauberhaften Highlands um Inverness und Loch Ness einen touristischen Boom sondergleichen, dem auch eine intensive, jedoch ergebnislose Suche nach dem Monster mittels Sonare nichts anhaben konnte. Nessie blieb verschwunden, wurde für nicht existent erklärt, aber sein Mythos lebte weiter und bleibt eine wichtige Einnahmequelle in der Region im Norden Schottlands.

Seit es um das rätselhafte Tier aus dem Erdmittelalter stiller geworden ist, braucht der Sommer neues Futter und findet dieses im Interesse an neuzeitlichen Drohnen und Kanonen. Erfreulicherweise gibt der Krieg in der Ukraine und im Nahen Osten den Liebhabern von Sauriern genug Nahrung für Spekulation und das Studium primatenhafter Verhaltensweisen am Übergang vom Mesozoikum zum Känozoikum.

So teilte jüngst der angesehene und sympathische Direktor der Diplomatischen Akademie und Präsident der Österreichischen Forschungsgemeinschaft, Emil Brix, seine diesbezügliche Nachdenklichkeit im Gespräch mit dem ORF. „Es kann Putin und Russland nicht als Gewinner aus diesem Krieg heraussteigen, sonst hätten wir alle weit unsicherer in Europa.“, lautete die Conclusio in der grammatikalisch manchmal etwas schwer verständlichen Sprache der Diplomaten.1)

Denn Russland sei nicht zu Verhandlungen bereit, und jeder Zweifel in der EU, ob man Sanktionen weiterführen oder gar über russische Energie nachdenken solle, helfe der Kriegsmaschinerie „im wirklichen Sinne“ und auch dem Narrativ, das Russland habe, weshalb er froh über das gestiegene europäische Bewusstsein für Verteidigungsfähigkeit sei, auch wenn Österreich da noch nachhinke, weil die Vorstellung herrsche, dass uns die Neutralität beschützen würde, was aber nicht der Fall sei. „Daher werden wir um Nachdenken über NATO-Mitgliedschaft nicht herumkommen.“, folgert der von seinen Erlebnissen in den Jahren 2015-2017 offensichtlich schwer traumatisierte ehemalige Botschafter in Moskau. ”a.a.O.“

Selbst wenn man keine Vorstellung davon hat, was eine Kriegsmaschinerie „im unwirklichen Sinn“ sei und wie das russische Narrativ beschaffen ist, worüber intime Kenner des Narratives der Europäischen Union sich vor Lachen bloss schütteln können, bleibt die österreichische Neutralität dem Aussenministerium dennoch ein dunkles Mysterium. 

Auch wenn die russische Kriegsmaschinerie ein begehrliches Auge auf Österreich werfen würde, müsste sie wohl zuerst die Allianz aller uns umgebenden NATO-Staaten niederkartätschen, was angesichts der eklatanten Waffenungleichheit sehr unwahrscheinlich ist. Und dass man einen völkerrechtswidrigen Überfall der NATO auf Österreich mittels einer Mitgliedschaft im atlantischen Verteidigungsbündnis neutralisieren könnte, daran glauben nicht mal die in Wertefragen ausgewiesenen Expert*innen des Aussenamtes.

Das trostlose Beispiel der ehemaligen Ministerpräsidentin Finnlands vor Augen, die die Neutralität Finnlands panisch entsorgt und sich eine neue Wirkungsstätte in dem vom ehemaligen trostlosen britischen Regierungschef Blair geleiteten „Institute for Global Change“ gesucht hat, der sich nach dem kriminellen und mit Unwahrheiten konstruierten Überfall auf den Irak seiner Verantwortung vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag bisher entziehen konnte, gibt es auch in Österreich gewisse Absetzbewegungen völkerrechtsaffiner Expertise.

Nichtsdestoweniger hat der Finanzminister schon mal angesichts der seit drei Jahren dauernden Rezession und einer deutlich über dem EU-Schnitt liegenden Inflation mit dem Nachdenken begonnen und wegen der avisierten Kosten einer NATO-Mitgliedschaft von 5% des österreichischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von rund 480 Mrd. EURO, somit 24 Mrd. Euro oder ein Viertel des gesamten Bundeshaushalts (!), vorgeschlagen, das ohnehin mit Effizienz- und Auslastungsproblemen kämpfende Aussenministerium (BMEIA) gesamthaft aufzulösen, was aber bloss eine Einsparung von nicht einmal 700 Mio. EURO bringen würde.

In Anbetracht dieser trüben Aussichten wird wohl ein Verteidigungsbündnis mit dem ohnehin durch ein Konkordat verbundenen Vatikan und dessen neutralitätspolitisch unbedenklichen Schweizer Garde die günstigere Option sein, und die EU-Kommission wird den Zweifrontenkrieg ihrer Präsidentin gegen den äusseren Feind Russland und den inneren Feind Ungarn wohl ohne Österreich führen müssen, allenfalls mit bloss ein wenig persönlicher Unterstützung durch die von Logorrhoe geplagte Aussenministerin und ihrem xenophoben Hassprediger.

1)  https://orf.at/av/video/newsVideo12746