Servas Stocker oder Der Schweinebandwurm

Taenia_solium (Scolex).Public Domain (CCO), Wikimedia Commons 2024

I.

Leicht hast du´s ja nicht, wenn man das salopp so sagen darf, mit deiner Reformpartnerschaft, dein Bemühen um rationale Krisenbewältigung durchaus anerkennend. Da kommt dir in der schwierigsten Phase dein Finanzminister gesundheitsbedingt zumindest teilweise abhanden, dem rationales Handeln mit Augenmass auch nicht fremd ist, wobei man ihm an dieser Stelle nur rasche Genesung wünschen kann, als sich schon die nächste Schlechtwetterfront aufbaut.

Ist ja das Wort „Reform“ per se schon als gefährliche Drohung aufzufassen, wie das gnädige Wahlvolk seit etlichen Pensionsreformen, Verwaltungsreformen, Gesundheitsreformen, Arbeitsmarktreformen usw. weiss, deren Konsequenzen meist mit noch mehr Geld, dafür weniger Leistung verbunden waren, dräut ein Erdbeben schlimmer als jenes von Venezuela den äusserst rechten Rand deiner Reformpartnerschaft zu zertrümmern.

Die Partei habe eine „autokratische Führung“, die bloss an „Machterhalt statt an Inhalten“ interessiert sei, liess ein Nationalratsabgeordneter der NEOS, seinen pinken Freunden und Freundinnen ausrichten, bevor ihn diese aus der Partei ausschlossen, nachdem er in einer vertraulichen Sitzung geheim eine Tonbandaufnahme gemacht hatte. „Er habe vergessen zu fragen, ob er mitschneiden dürfe“1), rechtfertigte sich der liberale Schelm, solcherart eine Kardinaltugend der Liberalen schonungslos offenlegend.   

Dem Urteil, wonach es nicht gelungen sei, das starre System der Altparteien zu überwinden, schlossen sich sogleich andere Freunde des aufrechten Freiheitskämpfers diesem an und traten ihrerseits aus der Partei aus, ein veritables Redundanzproblem der NEOS offenbarend und ihre in den Weiten des Orbits irrlichternde Parteivorsitzende und Aussenministerin samt deren xenophobem Hassprediger klatschnass im Regen stehen lassend. 

Während der Reformpartner zu deiner Linken sich konsequent an Wittgensteins 7. Hauptsatz des Tractatus „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“ hält, sodass man über ihn bei bestem Willen nichts sagen kann, hält dich deine eigene Partei samt Wirtschaftsbund und Kammer mit nicht ungewohntem Nepotismus und Intrigen samt Parteiausschluss des Präsidenten ganz schön auf Trab. 

II.

Wenn Hebbels Zitat von „Österreich ist eine kleine Welt, in der die grosse ihre Probe hält“ 2), stimmt, oder wie es Karl Kraus als „Versuchsstation des Weltirrsinns“ oder des „Weltuntergangs“ 3) bezeichnet hat, liegt es also nahe, den Ursachen dieser auffälligen zerebralen Störungen nachzugehen.

Man sei in den Weltkrieg „hineingeschlittert“, hiess es schon vom Ersten, als sei seine Entfesselung nicht ein Akt bewussten politischen Kalküls, sondern unvorhersehbar gewesen, eine krasse Verharmlosung politischer Verantwortung.

Der Kontinent war seit der Niederlage Napoleons beziehungsweise dem Wiener Kongress 1815 im Wesentlichen von der Heiligen Allianz, einem Bündnis zwischen Russland, Preussen und Österreich geprägt, um revolutionäre und bürgerliche Kräfte im Schach zu halten, was mit einer Reihe von Eheschliessungen familiär unterfüttert wurde, von denen die bedeutendste jene zwischen Charlotte von Hohenzollern/Preussen und dem späteren Zaren Nikolaus I. aus der Dynastie der Romanows war, die fast das gesamte 19. Jahrhundert Preussen und Russland eng aneinander band. 

Im Gegensatz dazu verfolgte Königin Victoria von Grossbritannien und Irland aus dem deutschen Haus Hannover, einer Linie der Welfen, eine Politik, die eher den britischen kolonialen Interessen und der Sicherung des Empire diente, um den russischen Interessen auf dem Balkan und im Mittelmeer Einhalt zu gebieten, was mit einer schweren Niederlage Russlands endete, die auch zum Zerfall der Heiligen Allianz führte, nachdem Österreich Russland im Krimkrieg im Stich gelassen hatte.

Mit dem Ersten Weltkrieg samt 17 Millionen Toten war dann letztlich nicht nur das Ende der alten familiären Bündnisse und Freundschaften gekommen, sondern zugleich das Ende des dynastischen Europa der Habsburger, Hohenzollern und Romanows, deren Untertanen sich in neuen verfassungsmässigen Lebenszusammenhängen wiederfanden, die vor allem von Hunger, Arbeitslosigkeit und Elend geprägt waren. 

III.

Nichts sollte die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts aber mehr prägen als die rassistische Vision eines österreichischen Landschaftsmalers, der sein Glück in deutschen Landen fand und seine Anhänger davon zu überzeugen wusste, dass die Juden an allem Elend schuld seien und den ganzen Kontinent in ein entsetzliches Blutbad mit 60 Millionen Toten und sechs Millionen ermordeter Juden stürzte. Man habe nichts davon gewusst, Konzentrationslager und so. 

IV.

Nie wieder Krieg! Die neue Losung. Statt Auslöschung ein vereintes Europa, ein Europa der Zusammenarbeit, prosperierend und sozial. 

„Alle Menschen werden Brüder, / Wo dein sanfter Flügel weilt.“

70 Jahre Römische Verträge, 70 Jahre Europäische Union.

V.

Damit komme ich wieder zu dir, Stocker, wenn wir nächstes Jahr 70 Jahre Europäische Union feiern. Du bist zwar nur einer von 27 im Europäischen Rat, noch dazu aus einem Kleinstaat kommend, den Staat, den keiner wollte. Aber eine Stimme hast du immerhin. Und verfassungsgemäss eine neutrale!

Da alterieren sich deine dir derzeit nicht viel Freude bereitenden Freunde von der Wirtschaftskammer Österreich auf ihrer Homepage über die schleppende wirtschaftliche Entwicklung Chinas mit bloss 5% Wachstum und strukturellen Belastungsfaktoren 4), worauf du dir, wie „gut informierte Kreise“ zu berichten wissen, angeblich „Ruck-artig“ an den Kopf gegriffen und deine Kämmerer gefragt hast, wie man die desaströse chinesische Entwicklung mit der grossartigen österreichischen mit 0,9% Wachstum, 3,2 % Inflation und 7,5% Arbeitslosen Österreichs, einer Schuldenquote von 83 % BIP (!) und einer fast Verdoppelung des Nettoaufwandes für die Schuldentilgung seit 2020 bei sinkenden Einkommen vergleichend am besten semantisch darstellen könnte.5) 

VI.

Auch der deutsche Partei- und Amtskollege Friedrich Merz wusste darauf keine Antwort. Klar sei bloss, dass die Abhängigkeit Österreichs von den internationalen Märkten insbesonders Deutschlands gross sei, vor allem in der Automobil- und Zulieferindustrie, dem Maschinenbau und der Metalltechnik, der Chemie- und Baustoffindustrie sowie dem Tourismus und den Dienstleistungen, nachdem rund 30% der Warenexporte und 40% der Dienstleistungsexporte nach Deutschland gehen. Aber wie das alles zusammenhänge, wisse er nicht. Die anhaltende Rezession Deutschlands, der Niedergang seiner Industrie sei aber zugegebenermassen besorgniserregend. Am Ende gar die Deindustrialisierung Deutschlands und Europas? Ende des Sozialstaats? 

VII.

200 Milliarden EUR hat die EU nach eigenen Angaben 6) bisher an finanzieller, wirtschaftlicher, haushaltspolitischer und militärischer Unterstützung für die Ukraine ausgegeben. Keine einzige Initiative für einen Verhandlungsfrieden gesetzt! 

Inzwischen greift die Ukraine auch Russlands Hinterland an. Ist das Risiko des Rüstungswettlaufs und einer Eskalation des Krieges noch berechenbar oder überhaupt beherrschbar? Ein konventioneller Krieg zwischen NATO und Russland vorstellbar oder gar ein atomarer? In den Krieg „hineinschlittern“?

Der grösste Terroranschlag in Europa, die Sprengung der Gaspipelines, das Fanal des Anfangs vom Ende? 

VIII.

Über Ursachen und Schuldfragen lässt sich gewiss trefflich streiten.

Aber lässt sich mit der jetzigen Politikerkaste überhaupt ein Weg aus dem Krieg finden? 

Die ursprüngliche Vermutung namhafter Mediziner, wonach die schweren kognitiven oder neurologischen Defizite der europäischen Nomenklatura auf den Schweinebandwurm zurückzuführen seien, dessen Larven bis in das Gehirn vordringen und dort Zysten bilden und die in der westlichen Hemisphäre für die meisten Fälle von Neurozystizerkose verantwortlich sind, die unbehandelt bis zum Tod führen kann, wobei Enzephalitis und Meningitis zu den Todesursachen gehören, konnte bisher wissenschaftlich nicht verifiziert werden. 7) 

Naheliegender ist daher die These, wonach es sich bei diesem rätselhaften kollektiven Verhalten um eine Variante des Helfersyndroms handelt, das die europäische Politik in einen Konflikt hineingezogen hat, der zu einem veritablen Krieg ausgewachsen ist, dessen einziger Ausweg im steten weitermachen wie bisher besteht. Dass deutsche Poiitik dafür besonders anfällig ist, ist verständlich. Die Kompensation historischer Defizite und Schuld, xenophobe und rassistische Verführbarkeit, ein hypertrophes Pflichtgefühl und Verantwortungsbewusstsein, das Bedürfnis nach Anerkennung und Bestätigung und ein geringes kollektives Selbstwertgefühl machen die „Ukraine-Hilfe“ eher zu einem völkerrechtlich verbrämten Akt der Selbsthilfe.

Vielleicht, Stocker, kannst du das mit deinem deutschen Amtskollegen, dem langen/grossen (?) Fritz demnächst besprechen, wenn ihr wieder mal über Aufrüstung redet, schonungslos neutral.

1) ORF.at 11.07.2026

2) Friedrich Hebbel’s sämmtliche Werke, Band 7 Gedichte, Hoffmann und

Campe, Hamburg: 1867, S. 280

3) Karl Kraus: „Die Fackel“, 1914, Nr. 398, S. 17, Nr. 400, S. 2, 46

Österreichische Akademie der Wissenschaften, AAC: DIE FACKEL

von Karl Kraus (digitale Edition)

4) https://wko.at/

5) WKO Statistik

6) www.consilium.europa.eu

7) https://www.msdmanuals.com › infektionen-des-gehirns