
Turkeys©Mikkel Bergmann_Wikimedia Commons
In Österreich allenfalls in Form von Erntedankfesten bekannt, ist der nette Brauch von Thanksgiving zur Unfreude von vielen Truthähnen, die in den USA aus diesem Anlass dem Frieden geopfert werden, eher dem tagesüblichen Zank gewidmet, wie anekdotisch aus der heftigen Auseinandersetzung der Chefredakteurin des Profil mit dem Chefredakteur des Falter über Formen des redlichen Umgangs mit der Wahrheit und ein wenig gekränkter Eitelkeit anlässlich der Verleihung eines Medienpreises deutlich wurde.
Dabei konnte man dem geehrten Chefredakteur des Schmetterlingsblattes den Preis durchaus gönnen, leidet er doch noch sichtlich an dem glimpflich überstandenen Prozess gegen den berühmten Stratosphärenspringer Felix Baumgartner, der ihn als „Trottel“ bezeichnet hatte, sich aber noch vor der letztinstanzlichen Entscheidung durch einen tragischen Unfall in die ewigen Jagdgründe verabschiedet hat, sodass bis heute nicht ganz klar ist, ob man den Chefredakteur des Falter dem Inhalt nach einen Trottel nennen darf oder ob es sich dabei um eine Beleidigung nach § 115 StGB handelt.
Eine andere Form von Thanksgiving ist jene österreichische Posse um leicht aus den Fugen geratene Aufwandsentschädigungen und Funktionsgebühren von Funktionär*innen sozialpartnerschaftlicher Institutionen, denen eine etwas hybride Interpretation von Thanksgiving auf den Magen geschlagen hat und die damit auch ihre qualifizierten hauptberuflichen Expert*innen unverdienterweise in Misskredit gebracht haben.
Die aktuelle US-amerikanische Variante von Thanksgiving sorgt da schon für Verdaungsprobleme der gröberen Art bei den transatlantischen Kolleg*innen. Kaum hatte Donald Trump seinen Truthahn genüsslich integriert, präsentierte er seinen Friedensplan zur Integration der Ukraine, deren Zustimmung er unter Drohungen exakt für Thanksgiving am 27. November 2025 einforderte, also jenem Gedenktag, an dem das Verhältnis zwischen den amerikanischen Natives und den kolonisierenden Pilgrim Fathers noch relativ entspannt war und 1621 mit einem grossen Festessen nach dem Abschluss eines Friedensvertrags gefeiert wurde. Die Geschichte resümierend, kann man jedoch sagen, dass den „Indianern“ der Truthahn nicht wirklich gut bekommen und die Sache mit den Friedensverträgen häufig eine etwas zwiespältige Angelegenheit ist.
Die Rheinmetall-Aktie sank indes nach Ankündigung der US-Friedensinitiative von fast 2.000 EUR Anfang Oktober auf 1.444 EUR am 1. Dezember 2025, was noch immer beachtlich ist, lag sie doch vor dem Beginn des Ukraine-Kriegs unter 100 EUR, woraus man erkennen kann, dass Waffenproduktion einen unbestreitbaren positiven Effekt auf die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes und der Aktionäre hat. Das wissen alle Kriegstreiber in Berlin, Paris, London und Brüssel, weshalb sie sich mit dem Frieden so schwer tun und mit Verve den Friedensplan nach allen Regeln der Kunst und der Intrige torpedieren, um mit der sich abzeichnenden geopolitischen Abenddämmerung die Marginalisierung Europas zu verhindern, die sie selbst mit grosser Leidenschaft und nicht unbeträchtlichem Mangel an Intellekt, dafür mit moralsaurer Empörung eingeleitet haben.
Im Wesentlichen basiert der Plan auf einer Festschreibung des Status Quo, also der Anerkennung des Donbas und der Krim als russisches Territorium, was für Kiew inakzeptabel ist, ungeachtet der Sicherheitsgarantien für die Ukraine und der Bestätigung deren Souveränität, allerdings mit der verfassungsmässigen Auflage, kein NATO-Mitglied zu werden, wohl aber unter Wahrung des Anspruchs auf die Mitgliedschaft in der Europäischen Union.
Ökonomisch zählt Europa nicht unbedingt zu den Siegern, wenngleich die Kommissionspräsidentin unverdrossen ihr 19. Sanktionspaket schnürt und sich mit 100 Milliarden US-Dollar aus der EU-Schatulle für den Wiederaufbau der Ukraine beteiligen darf, während die USA aus den eingefrorenen 100 Milliarden US-Dollar an russischen Vermögenswerten für Investitionen 50 Prozent des Gewinns realisieren können.
Militärisch ignoriert der Entwurf die Europäische Union völlig mit einem neuen Sicherheitsformat der Triade USA-NATO-Russland ohne Beteiligung der EU, macht diese bloss zu einem Zahler ohne Mitsprache und integriert Russland wieder in die Gruppe der Grossmächte G8.
Nachdem man davon ausgehen kann, dass territoriale Zugeständnisse für den ukrainischen Präsidenten politischer Selbstmord wären und die bis in die Knochen blamierte europäische Nomenklatura den Verlust ihrer arrogierten Bedeutung nur schwer verkraften würde, ist wohl für unbestimmte Zeit eine Fortsetzung des Mordens im ukrainischen Stellvertreterkrieg eher wahrscheinlich als ein Friedensvertrag. „Ein solcher Plan kann nur beschlossen werden, wenn die Europäer mit am Tisch sitzen“, trotzte der kindliche französische Präsident und Mitglied der „Koalition der Willigen“ Möchtegerne. (ORF.at, 2025-12-02)
Tage davor hatte der chef d’état-major des armées, also der oberste militärische Führer der Streitkräfte Frankreichs, Fabien Mandon, vor dem Kongress der Bürgermeister Frankreichs noch glatt betont „que notre pays devait être prêt à « accepter de perdre ses enfants », face à la menace constituée par la Russie.“, also dass unser Land angesichts der Bedrohung durch Russland bereit sein müsse, „den Verlust seiner Kinder zu akzeptieren“. (Le Monde, 2025-11-25)
Die Reaktionen im Zuge der Debatte um die Neustrukturierung der Wehrpflicht zeitigten neben heftiger Ablehnung Mandons aber auch die Zustimmung des Netzwerks „Les mères pour la patrie“, jenes österreichischen Ablegers der Initiative „Mütter für das Vaterland“ und deren Präsidentin, der österreichischen Aussenministerin, denen die in Bars und Kaffeehäusern abhängende verweichlichte Jugend schon lange ein Dorn im Auge ist, weil wir uns selbst wehtun müssten, um zu schützen, was wir sind, wie der stramme General zu vermelden wusste. Waren doch schon die Habsburger mit der ukrainischen Kriegstracht in den Krieg gegen Russland gezogen, sekundierte die österreichische Aussenministerin, ein den „Indianern“ nicht unähnliches Schicksal allerdings.
Wie dem auch sei, hatte der deutsche Militärhaushalt 2014 noch 32,4 Miliarden Euro betragen, waren es 2024 bereits 88,5 Milliarden US-Dollar, also etwa 76 Milliarden Euro, was man doch allen Währungsschwankungen zum Trotz als leichte Steigerung bezeichnen kann, womit Deutschland an die vierte Stelle der Länder mit den höchsten Militärausgaben weltweit geklettert ist.
Auch angesichts der Militärbudgets der zehn mächtigsten Länder USA 997, China 314, Russland 149, Deutschland 88.5, Indien 86.1, Vereinigtes Königreich 81.8, Saudi-Arabien 80.3, Ukraine 64.7, Frankreich 64.7, Japan 55.3 (alles in Milliarden US-Dollar)1) wird man sagen können, dass das Angst- und Paniknarrativ der EU-Kommission und der europäischen Nationalstaaten gegenüber Russland etwas übertrieben ist.
Die Gefährdung der Demokratie und unserer westlichen Werte, wie sie die europäischen „Eliten“ täglich und millionenfach beklagen, um ihre Bevölkerungen auf die zu erwartenden Opfer einzustimmen, braucht klarerweise ein geeignetes Feindbild, um auf eine neue Epoche anzustossen, das was der ehemalige deutsche Kanzler als „Zeitenwende“ bezeichnet hat, eine interessante Metapher, so als würde die Zeit sich wenden und nicht die Politik mit ihrem Aufrüstungs-Gelaber von der Kriegstüchtigkeit.
Verständlicherweise darf die Bevölkerung nicht erkennen, dass diese „Verteidigungsanstrengungen“ alle liebgewonnenen sozialen Errungenschaften zerstören, um die Menschen dazu zu bringen, in einen Kampf gegen die eigenen Interessen zu ziehen.
Angst und Hass als Ferment für die Bereitschaft zu töten, das Substrat jeder Propaganda. Kriegstüchtig eben. Deutschland hat es schon mal bewiesen. Eichmann wusste es. Das Töten sprachlich verschliffen als Akt bürokratischer Normalität. Thanksgiving?
1) Militärausgaben nach Ländern 2024/de.statista.com