Die Brücke

Nach der Ballade von Theodor Fontane „Die Brück´am Tay“

Krimbrücke©Rosavtodor.ru Wikimedia Commons

„Wann treffen wir drei wieder zusamm‘?“ 
„Um die siebente Stund‘, am Brückendamm.“ 
„Am Mittelpfeiler.“ 
„Ich lösch die Flamm‘.“ 
„Ich mit.“ 
„Ich komme vom Norden her.“ 
„Und ich vom Süden.“ 
„Und ich vom Meer.“ 

„Hei, das gibt ein Ringelreihn, 
und die Brücke muß in den Grund hinein.“ 
„Und der Zug, der in die Brücke tritt 
um die siebente Stund‘?“ 
„Ei, der muß mit.“ 
„Muß mit.“ 
„Tand, Tand 
ist das Gebild von Menschenhand.“ 

Das Werk der drei Hexen umzusetzen, liess sich der deutsche Kriegsminister Pistorius nicht zweimal sagen. „Wir müssen bis 2029 kriegstüchtig sein…Wir müssen Abschreckung leisten, um zu verhindern, dass es zum Äussersten kommt…Im Ernstfall brauchen wir wehrhafte junge Frauen und Männer, die dieses Land verteidigen können. Wir müssen durchhaltefähig und aufwuchsfähig (!) sein.“, erklärte der Putin-Versteher im deutschen Bundestag am 5. Juni 2024.

Auf der Norderseite, das Brückenhaus – 
alle Fenster sehen nach Süden aus, 
und die Brücknersleut‘, ohne Rast und Ruh 
und in Bangen sehen nach Süden zu, 
sehen und warten, ob nicht ein Licht 
übers Wasser hin „ich komme“ spricht, 
„ich komme, trotz Nacht und Sturmesflug, 
ich, der Edinburger Zug.“ 

Und der Brückner jetzt: „Ich seh einen Schein 
am andern Ufer. Das muß er sein. 
Nun, Mutter, weg mit dem bangen Traum, 
unser Johnie kommt und will seinen Baum, 
und was noch am Baume von Lichtern ist, 
zünd alles an wie zum heiligen Christ, 
der will heuer zweimal mit uns sein, – 
und in elf Minuten ist er herein.“ 

Voll des Bangens strich der Hobby-Ökonom nachdenklich durch den schon weissen Bart, zupfte ein wenig da und dort, betrachtete sich wohlgefällig im Spiegel. Wie die Welt an seiner Weisheit teilhaben lassen? 

„Aber um zu begreifen, dass eine funktionierende Militärindustrie nicht nur Sicherheit schafft, sondern auch die Konjunktur stützt, sind die politischen Führer der EU von Scholz bis Emmanuel Macron ökonomisch zu ahnungslos, und auch wenn man es im Falter erörtert und mit Ziffern aus der Beendigung der Weltwirtschaftskrise belegt (worüber sich Scholz und Macron vor Lachen zerkugelt haben, bloss der Hitler Adi hat in seinen ewigen Jagdgründen zustimmend genickt! Red.), wird einem ‚Kriegsrausch‘ unterstellt, statt dass man begreift, dass man ‚kriegstauglich‘ sein muss, um den Frieden zu bewahren…Während Putins Kriegsindustrie boomt, spart die EU, bis er sie angreift.“, orakelte der ehemalige Herausgeber des PROFIL Lingens in seinem Beitrag für den kriegstauglichen Falter (23/24, S.8).

Und es war der Zug. Am Süderturm 
keucht er vorbei jetzt gegen den Sturm, 
und Johnie spricht: „Die Brücke noch! 
Aber was tut es, wir zwingen es doch. 
Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf, 
die bleiben Sieger in solchem Kampf, 
und wie’s auch rast und ringt und rennt, 
wir kriegen es unter: das Element. 

Der europäische Souverän hat das etwas anders gesehen und insbesonders den deutschen und französischen Kriegsparteien eine schallende Ohrfeige/Backpfeife verpasst. Der zurückhaltendere Olaf ist trotz seines Wüterichs Pistorius mit einer Schramme davongekommen. 

Bloss der Aufstieg der AfD im Osten zur politischen Führungsmacht verursacht etwas Bauchgrimmen und nährt die Zweifel, ob nicht der im Wirtschaftsjargon als „feindliche Übernahme“ bezeichnete Terminus passender wäre für die „Wiedervereinigung“ Deutschlands 1989. Aber da möchten unsere Nachbarn nicht so gerne hinschauen, weshalb einzig die Dämonisierung der Deklassierten durch die „proeuropäischen Friedenseliten“ der Hexen Werk enträtselt. 

Und gar erst Frankreich! Kein „Besoin d´Europe“ für den zerbröselten Präsidenten, den niemand mehr braucht, weshalb der sein Heil in der Flucht ins französische Mehrheitswahlrecht sucht und nach den von ihm dekretierten Neuwahlen möglicherweise im Cohabitations-Bett mit dem verfemten „Rassemblement National“ Marine Le Pens landet.

Und unser Stolz ist unsre Brück‘; 
ich lache, denk ich an früher zurück, 
an all den Jammer und all die Not 
mit dem elend alten Schifferboot; 
wie manche liebe Christfestnacht 
hab ich im Fährhaus zugebracht 
und sah unsrer Fenster lichten Schein 
und zählte und konnte nicht drüben sein.“ 

„Die Ukraine habe eine ‚unglaubliche Erfolgsbilanz‘ bei der pünktlichen Auszahlung von Pensionen und Sozialtransfers. Beamte könnten jeden Tag zur Arbeit kommen und würden auch bezahlt…Führt weiterhin schwierige Reformen durch, so hart es auch sein mag!“, erörtert die Weltbank gemäss ihren üblichen philantropischen Gepflogenheiten dem erstaunten Betrachter. (ORF, 2024-06-10)

An dieser Erfolgsbilanz hat die Afghanistan-Siegerin Von der Leyen ihren unbestrittenen Anteil. „Eine zweite Amtszeit für Von der Leyen, was denn sonst?“, apportiert ihr braver persönlicher Sekretär und Berater Thomas Meyer vom Standard… „Es braucht einen Pakt der vernünftigen Mitte“. (derStandard, 2024-06-10) 

Bis zu einer grundlegenden Strukturreform und Ablösung der gegenwärtigen unsäglichen EU-Kommission wird es freilich noch eine Weile brauchen, „aber derzeit dulden der Ukraine-Krieg, die Klima- und Wirtschaftskrise, die Probleme mit Migration etc. keinen Aufschub“(ebda). 

Bis dahin droht lediglich den im Ausland lebenden ukrainischen Männern noch etwas Ungemach: Frontbesuch statt Familienzusammenführung.

Auf der Norderseite, das Brückenhaus –
alle Fenster sehen nach Süden aus,
und die Brücknersleut‘ ohne Rast und Ruh 
und in Bangen sehen nach Süden zu;
denn wütender wurde der Winde Spiel, 
und jetzt, als ob Feuer vom Himmel fiel, 
erglüht es in niederschießender Pracht 
überm Wasser unten… Und wieder ist Nacht.

Die genauen Opferzahlen der stummen Helden der Heimat im Ukrainekrieg sind unbekannt. Tote und Verwundete können derzeit nur geschätzt werden, zu gross sind die Unschärfen der jeweiligen Kriegspropaganda, Zerstörung inbegriffen.

„Wann treffen wir drei wieder zusamm‘?“
„Um Mitternacht, am Bergeskamm.“ 
„Auf dem hohen Moor, am Erlenstamm.“
„Ich komme.“ 
„Ich mit.“ 
„Ich nenn euch die Zahl.“ 
„Und ich die Namen.“ 
„Und ich die Qual.“ 
„Hei! 
Wie Splitter brach das Gebälk entzwei.“ 
„Tand, Tand 
ist das Gebilde von Menschenhand.“