Madame Butterfly

Das Festspiel in Europa mit seiner bis ins antike Griechenland reichenden Tradition, vom antiken Dionysoskult über die mittelalterlichen Mysterienspiele bis zu den Festspielen der Neuzeit als Mittel höfischer oder bürgerlicher Repräsentanz war seit dem 19. Jahrhundert kultureller sowie gesellschaftlicher Höhepunkt und damit beliebter Treffpunkt nicht nur der zahlreichen Kulturinteressierten, sondern auch von Adabeis aus aller Herren/Frauen Länder.

Dementsprechend waren die Eröffnungsreden der jeweiligen Festspiele nicht nur Lokalkolorit transzendierendes Weiheritual, sondern für die gesamte Region und manchmal die ganze Welt, aber auch für die Festredner*innen selbst eine höchst prestigeträchtige Angelegenheit. 

Wenig überraschend daher, dass die Debatte über die einzuladenden Festredner*innen teilweise verstörende Züge zeigte, als etwa in Salzburg nach einer Reihe – meistens männlicher – international renommierter Kulturschaffender wie Eugène Ionesco, Karl Popper, Vàclav Havel oder Nikolaus Harnoncourt auf landeshauptfraulichen Wunsch gar nur österreichische Bundes- und Landespolitiker das Wort ergreifen sollten, worauf man die Festreden zwei Jahre lang gleich vorsorglich absagte oder wie im Fall von Jean Ziegler diesen wegen seiner angeblichen Nähe zum libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi als Festredner wieder auslud, wodurch die Angelegenheit mit den Festreden endgültig vom internationalen Prestigeprojekt zur Provinzposse diminuierte.

In ähnliches Fahrwasser geriet auch die diesjährige Eröffnung der Bregenzer Festspiele, wo man die Chance einer inhaltlichen Schwerpunktsetzung verabsäumte und statt einer renommierten Kunstschaffenden oder Wissenschafterin, die etwa zum männlichen Chauvinismus oder amerikanischen Nationalismus der „Tragedia giapponese“ Puccinis etwas sagen hätte können – im Zeichen von „culture cancelling“ und „me too“ eine durchaus pikante Facette – den österreichischen Bundespräsidenten als Festredner einlud, der mit ein paar erstaunlichen tagespolitischen Thesen zu überraschen wusste, die sogleich vom Chefideologen eines angeblich linksliberalen Boulevardblatts mit nicht wenig Geifer brav weiter getragen wurden.

Scharfsichtig feststellend, dass wir im Winter in ein massives Energieproblem laufen, wenn man nicht dementsprechend vorbereitend handelt, erklärte der HBP das Ansteigen der Preise mit der Tatsache, dass „einige hundert Kilometer östlich von hier ein Diktator sitzt, der es nicht ertragen kann, dass Menschen in Europa in individueller Freiheit und Unabhängigkeit leben“ und deshalb einen Krieg begonnen hat.

Und „weil das alles aus Sicht des russischen Präsidenten nicht genug ist, drosselt er die Gasversorgung in Europa…“. „Diese Abhängigkeit ist unerträglich!“, wie es auch unerträglich sei, „sich zum unterwürfigen Verbündeten eines Diktators zu machen…Wir sind nicht Putins Vasallen.“, tönte trotzig der auf Russisch „Sascha“ Gekoste.

Das ist zweifellos richtig. Vasall war im ursprünglichen Sinn ein Treue- und Schutzverhältnis, aber die Abhängigkeit von russischen Energieträgern fällt nicht in diese Kategorie. Die sogenannte Abhängigkeit von russischem Erdgas war vielmehr eine frei gewählte, den herrschenden Regeln des Marktes unterworfen und kostengünstig noch dazu. 

Frühere Regierungen ohne grüne Beteiligung haben das gewusst und sich auf einen mittelfristigen Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter eingestellt im Bewusstsein dessen, dass dieser nicht in ein paar Jahren zu bewerkstelligen sein wird. 

Daher gerät „Vasall“ zur falschen Bezeichnung für ein kapitalistisches Geschäftsmodell, sondern eignet eher jener knechtischen kulturellen, militärischen, technologischen und politischen Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten, was Deutschland und die Europäische Union jederzeit bestreiten werden, vom kleinen Österreich ganz zu schweigen.

Dass in der Ukraine für unser aller Lebensmodell, um politische Freiheit, persönliche Freiheit, den Rechtsstaat, Menschenrechte und Demokratie „gekämpft, gemordet, gestorben“ wird, ist zumindest unter Historikern ebenso umstritten wie die angebliche Vorbildfunktion der Ukraine für das europäische Modell von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. 

Ob die Energiekrise ein von Russland bewusst herbeigeführter, kriegerischer Akt sei, ebenfalls. Wie der Präsident der Wirtschaftskammer Österreich festgestellt hat, seien die Sanktionen offenbar „nur mit einer Gehirnhälfte“ gedacht worden. Ein schönes Bild, weil es das Fehlen des gesamten und vortrefflichsten menschlichen Organs unterstellt, den Sitz des Bewusstseins, womit die Frage leicht zu beantworten ist. Ohne Ganzes ist auch die Hälfte nicht zu haben.

Abgesehen vom moralisierenden bundespräsidentlichen Impetus des Sich-nicht-spalten-Lassens, des Gegeneinander-ausspielen-und-aufhetzen-Lassens wird so die Entscheidung seiner präsidentialen Majestät, dass die Regierung angesichts des suizidalen Sanktionenregimes und des ambitionierten Umbaus des Sozialstaats zum Almosenstaat, wofür sie dereinst in die Mitverantwortung genommen werden wird müssen, „jetzt das tun solle und müsse, und zwar ohne Verzögerung, wofür sie gewählt wurde: Arbeiten, arbeiten, arbeiten.“ zu einer dem heissen Sommer geschuldeten Groteske, worüber die so gescholtenen Faulpelze seiner Regierung, der Nehammer Karl und der inflationsverliebte Kogler Werner gar nicht so haben lachen können.