Die Aiderbichler

„Das europäische Herz schlage in Ungarn nun stärker“ (news.ORF.at, 12.04.2026), strahlte die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit der Sonne um die Wette. Man kann es ihr angesichts vieler Konfrontationen mit dem ungarischen Premier nicht verdenken. Schadenfreude stiftet oft lustvolleres Vergnügen als die Freude über eigenes Gelingen.

Selbstredend fielen der deutsche Kanzler und der französische Präsident in den Jubel ein. Lediglich die italienische Ministerpräsidentin Meloni gratulierte Peter Magyar und dankte gleichzeitig ihrem „Freund Viktor Orban für die intensive Zusammenarbeit in diesen Jahren“ (ebda), eine Haltung zeigend, die den männlichen Kollegen leider schmerzhaft fehlt. 

„Die ungarische Bevölkerung hat mit überwältigender Mehrheit das destruktive Gegeneinander abgewählt und sich für eine proeuropäische Zukunft entschieden“, erklärte der österreichische Bundeskanzler Stocker auf der Plattform X zu den ungarischen Parlamentswahlen, den Finger unterbewusst auf die Wunde legend, dass es zum destruktiven Gegeneinander zwangsläufig mindestens zwei Gegenüber braucht.

Dem Menetekel des österreichischen Bassenajournalismus vom Verrat europäischer Werte und Interessen zum Trotz, wonach in Ungarn der Umbau in eine autoritäre, antieuropäische Pseudodemokratie am weitesten fortgeschritten sei (derStandard, 11.04.2026), hat es zumindest einen den demokratischen Gepflogenheiten entsprechenden Machtwechsel gegeben, der Verlierer seine Niederlage eingestanden und dem Sieger gratuliert, der mit der ihm zur Verfügung stehenden Zweidrittelmehrheit alle Möglichkeiten hat, gegen Korruption, wirtschaftliche Stagnation und aussenpolitische Isolation (NEWS, 13.04.2026) vorzugehen.

Die mit viel Verve im Stil einer Privatfehde geführte Auseinandersetzung der amtierenden Kommissionspräsidentin gegen Ministerpräsident Orban wegen rechtsstaatlicher Defizite und mangelnder Korruptionsbekämpfung hat Ungarn zweifellos schwer geschadet. Die von der EU eingefrorenen Gelder in der Höhe von etwa 16 Milliarden Euro seien vergleichbar mit dem US-Marshallplan nach dem Zweiten Weltkrieg meinte der ungarische Journalist Jozsef Martin (news.ORF.at, 15.04.2026).

Die schweren Auflagen in kurzer Zeit zu erfüllen, um an die eingefrorenen Mittel und die Ungarn zusätzlich zustehenden 6,5 Milliarden Euro aus dem Corona-Wiederaufbaufonds zu kommen, wird die Zeit für den neuen Premier allerdings knapp werden. Abgesehen von etlichen Vertragsverletzungsverfahren scheint der neue Ministerpräsident auch nicht gewillt zu sein, das Verhältnis zu Russland, wie von der Kommission gewünscht, zu überdenken, nachdem Ungarn von preiswerter russischer Energie abhängig ist. Auch die Aufnahme der Ukraine in die Europäische Union sollte nach dessen Meinung so schnell nicht erfolgen, wenngleich sich diese plötzlich doch bereit erklärt hat, die für Ungarn wichtige, mutmasslich beschädigte Druschba-Pipeline noch im April zu reparieren (ebda).

Was tun, um das destruktive Gegeneinander aufzulösen und nach der Abwahl Orbans durch das ungarische Volk auch die autokratische, mit leichten kognitiven Mängeln siechende Europäische Kommission neu aufzustellen?

Es zeigt sich nämlich, dass das grossartige, vor einem Vierteljahrhundert von Michael Aufhauser gegründete Tierschutzprojekt Gut Aiderbichl am Wallersee in Salzburg, das Tausende Tiere, vor allem Pferde, Schweine, Esel, Bauernhoftiere wie Hühner und Hähne, aus Notsituationen, schlechter Haltung oder auch vor der Schlachtung gerettet und ihnen ein artgerechtes Leben bis zu deren natürlichem Ende ermöglicht hat, als institutionelle Vorlage für den Humanbereich nur bedingt tauglich beziehungsweise wünschenswert ist, auch wenn im übertragenen Sinn so mancher Esel oder Gockel gnadenreiche Zuflucht im Reich der EU-Kommission gefunden hat.

Die De-facto-Bestellung der Kommissionspräsidentin und der Kommissare durch die nationalstaatlichen Regierungen statt einer direkten Wahl etwa im Rahmen der EU-Wahlen, aber auch deren Abwahl durch ein Misstrauensvotum des EU-Parlaments, was noch nie vorgekommen ist, befördern doch eine gewisse systemische Trägheit, weshalb Frau Von der Leyen ihren ungarischen Widerpart gut auslachen kann, so wie der österreichische, von seiner christlichen Parteimutter für drei Amtszeiten ausersehen gewesene Kommissar Hahn, der seine Aiderbichl-Existenz sogar noch als Präsident des Generalrates der Österreichischen Nationalbank fortsetzen darf, wo der gelernte Philosoph nicht nur einer erlesenen Schar von exzellenten Ökonomen und Ökonominnen vorsteht, sondern seine Weisheit auch bei der Beratung des geschäftsführenden Direktoriums in Fragen der Währungspolitik verströmen darf. Da lachen selbst die Hühner.

Inzwischen wird die Zeit knapp für die Ukraine, die dringend Geld und Waffen braucht, und somit auch für die Europäische Union, die ohne die Zustimmung Ungarns den 90-Milliarden-„Kredit“ nicht vergeben kann.

Schon formiert sich eine Gruppe lemurenhafter Untoter, österreichischer und deutscher Radikaler Mitläufer (RML) im EU-Parlament, um das komplexe System der qualifizierten Mehrheitssuche auch für bestimmte sensible Anwendungsbereiche wie die Aussen- und Sicherheitspolitik, Finanzen, Steuerpolitik oder die Aufnahme neuer Mitglieder anzuwenden, wo bisher das Einstimmigkeitsprinzip gilt, womit zwar Austritte aus der Europäischen Union wie jener des Vereinigten Königreichs am Beginn der Präsidentschaft Von der Leyens nicht verhindert werden können, aber der Krieg im Osten frohgemut fortgesetzt werden kann.

Mephistopheles:
Herbei herbei! Herein herein!
Ihr schlotternden Lemuren,
Aus Bändern, Sehnen und Gebein
Geflickte Halbnaturen.

Lemuren:
Wir treten dir sogleich zur Hand,
Und, wie wir halb vernommen,
Es gilt wohl gar ein weites Land
Das sollen wir bekommen.

Johann Wolfgang von Goethe, Faust II, 5. Akt