Stultitia et Pax 

Papst Franziskus©Wikimedia Commons

„Es ist ein Krieg, und einen Krieg führt man zu zweit und nicht allein…Früher oder später, das lehre auch die Geschichte, müsse es letztlich zu einer Einigung kommen…Dies gelte auch für den Krieg in der Ukraine, wo Stimmen lauter werden, den Mut für ein Hissen der Weissen Fahne aufzubringen, während andere darin eine Legitimierung des Stärkeren sehen…Aber ich denke, dass der stärker ist, der die Situation erkennt, der an das Volk denkt und den Mut hat, die weisse Flagge zu schwenken und zu verhandeln…Wenn du siehst, dass du besiegt wirst, dass die Dinge nicht gut laufen, habt den Mut zu verhandeln. Du schämst dich, aber wenn du so weitermachst, wie viele Tote wird es dann geben?“ (Papst Franziskus, Vatican News, 09.03.2024)

Nun kann man davon ausgehen, dass die Informationen des Vatikan über die tatsächliche Situation in der Ukraine vermutlich authentischer sind als das, was sich tagtäglich an gleichgeschalteter Kriegspropaganda über die Menschen ergiesst, weshalb der weise Rat des Papstes gegenüber dem Schweizer TV-Sender RSI klarerweise Widerspruch provozieren sollte.

Nicht ganz unerwartet kam dieser in der Ukraine und in Osteuropa, wo der ukrainische Präsident den Appell des Papstes zu Friedensgesprächen zurückwies mit dem Hinweis, dass die Kirche bei den Menschen sei und nicht zweieinhalbtausend Kilometer entfernt und der lettische Präsident deutlich machte, dass „man das Böse bekämpfen und besiegen müsse, damit das Böse die weisse Fahne hisse und kapituliere.“ (Deutsche Welle, 11.03.2024) Einen „Kleingläubigen“ nannte ihn gar der ehemalige ukrainische Botschafter in Österreich. (ORF, 11.03.2024)

Erwartungsgemäss waren die Reaktionen der deutschen Kriegsparteien. Nachdem sich der BlackRocker und CDU-Kanzlerkandidat (?) Merz naturgemäss über die Gewinne der Waffenschmiede Rheinmetall freut, findet der Katholik die Aussagen seines Kirchenoberhaupts zu Friedensverhandlungen „grundfalsch“.  (Stern, 11.03.2024)

Die FDP-Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestags Strack-Zimmermann, bis 2023 Präsidiumsmitglied der Lobbyorganisation Deutsche Gesellschaft für Wehrtechnik, die in einem Interview mit der Westdeutschen Zeitung vom 31.03.2023 eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat, wie deutscher Militarismus geht und bedauert, dass es so lange gedauert habe, bis Deutschland seinen Schützenpanzer Marder und den Kampfpanzer Leopard 2 an die Ukraine geliefert habe, „schämt sich als Katholikin“, dass der Papst die „verbale mörderische Hetze“ des orthodoxen Moskauer Patriarchen Kirill gegen die Ukrainer nicht verurteilt. (Stern, 11.03.2024)

Da konnte auch die Grüne Aussenministerin und Bewunderin von US-Kampfjets nicht fehlen, die entgeistert auf den Pontifex mit „Ich frage mich wirklich, was er sich dabei gedacht hat“ reagierte. „Ich versteh´s nicht.“, sagte sie in der ARD-Sendung „Caren Miosga“, was man ihr sogleich glaubt. (Stern, 11.03.2024)

Klar ist, mit den Friedensgesprächen wird es nicht leicht werden, zumal Russland solche zu von Kiew geforderten Bedingungen ablehnt. 

Auch ungeachtet der wachsenden Kritik aus den eigenen politischen und militärischen Reihen und der sich verschärfenden militärischen Lage lässt ein wenig Realitätsverlust den ukrainischen Präsidenten unaufhörlich vom endgültigen Sieg der Ukraine phantasieren, warnt er vor dem Dritten Weltkrieg (!) und fühlt sich von seinen westlichen Partnern im Stich gelassen.

Diese wiederum werden sich wohl an die neuen Gegebenheiten anpassen, auch wenn sich Frankreich und Deutschland so uneins sind wie seit der Gründung der Europäischen Union nicht. Während der französische Präsident über die Entsendung von Bodentruppen in die Ukraine nachdenkt, wiewohl er dafür nicht einmal die Unterstützung der eigenen Parteien hat, und den deutschen Partner dazu drängt, der Ukraine die Marschflugkörper „Taurus“ zu liefern, schliesst der deutsche Kanzler, der zwar nicht der Meinung des Papstes ist, dieses – derzeit noch – kategorisch aus. Allerdings war der Kanzler schon bei der Lieferung der Kampfpanzer an die Ukraine eingeknickt, weshalb nicht genau abzusehen ist, wie lange das Gemetzel noch weiter gehen wird. Mit „Taurus“ könnte die Ukraine auch russisches Staatsgebiet angreifen, was die Bundesregierung aber mit Blick auf eine Eskalation des Krieges dann doch vermeiden will, wohingegen die Kriegsparteien auf eine baldige Lieferung der smarten Marschflugkörper bestehen.

In Österreich hat die Debatte erstaunlich wenig Widerhall gefunden, wenn man von den üblichen imbezilen Wortmeldungen in sogenannten liberalen „Qualitätsmedien“ absieht, was möglicherweise den psychisch belastenden Diskussionen der Redaktionen geschuldet ist, ob der Papst nun ein Putin-Versteher sei oder nicht.

Das Weltbild des Papstes ist ein anderes. Kriege bezeichnet er in dem Interview pauschal als „kollektive Sünde“ und als „Irrsinn“ (katholisch.de, 11.03.2024), was die ehemalige Aktivistin der Friedensbewegung und deutsche Aussenministerin klarerweise nicht verstehen kann. 

Die hunderttausendfache Tötung von Menschen und lebenslängliche psychische Zerstörung der Überlebenden, die Brutalisierung der Ukraine und Russlands sollte man aber nicht mit der Freiheit Europas verwechseln.

In Gedanken noch an sein Interview blickte der Pontifex Maximus von seinem Fenster auf die Piazza San Pietro und die Kolonnaden Berninis, ehe er sich sehrender Sorge seiner Arbeit an der Enzyklika „Stultitia et Pax“ begab.